• Susi Schildknecht-Gut

Zwischen Verzweiflung Wut und immer weniger Hoffnung

Mir wurde am Anfang angeraten, in meinem Blog nur Positives zu schreiben. Wenn es mir schlecht gehe, wenn ich verzweifelt sei, soll ich einfach nichts in den Blog reinschreiben.

Doch, ist dies ehrlich, wenn ich vorgebe, immer alles im Griff zu haben? Bin ich ein Vorbild, wenn ich mich stark gebe, obwohl ich mich schwach fühle? Ich bin und lebe schwarz oder weiss heiss oder kalt. Will heissen, entweder sage und schreibe ich Klartext oder ich lasse es. Halbheiten und Schönreden liegen mir nicht. Der lapidare Satz, nur positiv denken dann kommt alles gut, stimmt vielleicht in den Filmen von Rosamunde Pilcher, das Leben tickt nicht so einfach.

Ich bin nun seit drei Wochen wieder zu Hause, habe zwar nun wieder eine Nase, die aber immer noch so unförmig komisch aussieht, dass ich wie vor der Rekonstruktion mein halbes Gesicht verhüllen muss. Vor der Operation konnte ich wenigstens durch das Loch (wo früher die Nase war) atmen. Nun habe ich eine Nase, durch die ich null atmen kann. Dadurch habe ich jeden Tag Kopfweh, weil ich dadurch einfach zu wenig Sauerstoff bekomme.

Wenn ich mich im Spiegel anschaue, ohne rechtes Auge, voller Narben im Gesicht, ohne Haare auf der Schädeldecke, da man dort ein Transplantat nähen musste und nun keine Haare mehr wachsen werden, (später, wird man eine Haartransplantation machen, aber wann?) frage ich mich schon, ist dies noch lebenswert? Wann endlich kann ich wieder leben? Auch stinkt es mir, dass es Menschen gibt, vor allem auch Fachpersonal im Spital, denen ich ständig beweisen muss, dass ich zwar nicht normal aussehe, deswegen aber nicht Geistesgestört bin. Beispiel: Als ich im Spital am Lesen war,

kam eine Spitalangestellte ins Zimmer, fragte mich ganz überrascht, „uch, sie lesen? Verstehen sie denn, was sie lesen?“ Ich dachte, sie meine, ich sei Ausländerin und erklärte, dass Deutsch meine Muttersprache sei, da meinte sie: „Das weiss ich, ich meine, ob sie es geistig verstehen?“ ….

Solch diskriminierte Sprüche vom Fachpersonal kostet Energie, belasten mich und rauben mir die Kraft, weiter zu kämpfen.

Wegen den vielen Operationen und vor allem wegen einem Antibiotika, dass aufs Gehör schlug, höre ich nicht mehr so gut. Deswegen ging ich zu einem Hörakustiker. Mein Mann war auch dabei. Der Hörakustiker ignorierte mich ganz, er schaute während dem er sprach nur meinen Mann an, als wäre ich nicht da. Wenn er mal, weil ich eine Frage hatte, mir eine Antwort gab, dann redete er ganz langsam nach jedem Wort machte er eine Pause, als müsste ich zuerst jedes Wort kapieren. Als er dann noch von „weniger Hirnleistung bei mir“ sprach, weil ich nur noch ein Auge habe, hatte ich genug und wechselte den Hörakustiker und das Geschäft.

Mein Künstlername unter meinen Kollegen war «Crazy Woman». Weil ich ständig in Bewegung war, Dinge unternahm, wo andere den Kopf schüttelten und einen Marathon nach dem anderen lief ohne müde zu werden. Ich ging oft mit dem Kopf durch die Wand. Wenn ich von etwas überzeugt war, tat ich es und nahm auch Niederlagen in Kauf, die es natürlich auch gab. No risk, no fun war meine Devise.

Von einem Energie-Bündel wurde ich zu einem Wrack. Ich weiss, dass es nichts bringt, über frühere inkompetente Ärzte, denen ich diese Situation zu verdanken habe, voller Wut zu grübeln. Doch die Gedanken kommen, ob ich will oder nicht. Klar hoffe ich immer noch, dass sich diese Radikal-Operation gelohnt hat, so, dass ich wieder leben kann.

Die Frage ist: «Ist es diese verdammte Hoffnung, die all meine Qualen nur verlängern?»

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