Stumme Vorwürfe an mich selbst
- Susi Schildknecht

- 14. Apr.
- 2 Min. Lesezeit
Wenn Krankheit sich wie eine Schuld anfühlt
Jeder hat mal eine Grippe, da ist man froh, wenn der Partner einkaufen geht, Tee macht und einem
zur Stärkung ein Süpplein kocht. Irgendwie geniesst man diese Zeit auch, sich etwas verwöhnen zu lassen, sich zu erholen und zu spüren, um mich kümmert sich jemand, ist ein schönes Gefühl. Man weiss ja, bald ist man wieder gesund.
Anders sieht es aus, wenn man, wie ich, seit der Nasenkrebs-Erkrankung und den vielen misslungenen Operationen, den Job verloren hat, dadurch finanziell abhängig ist, und auch pflegerische Hilfe vom Partner annehmen muss. Deswegen habe ich Schuldgefühle! Zu den körperlichen Schmerzen habe ich oft auch einen stillen, psychischen Schmerz, das Gefühl, eine Last, statt für den Partner eine Bereicherung auf Augenhöhe zu sein. Wir wollten im Mai nach Malaga. Da bei mir bei der Augenhöhle, wo man das Auge amputiert hat, der Haut-Lappen gerissen ist und ich nun eine Wunde habe, mit grossen Schmerzen, und es nicht bessert, mussten wir die Malaga Ferien absagen. Kein Arzt, wie üblich, will oder kann mir helfen. Ich merke, dass das gemeinsame Leben wegen mir schrumpft. Ich fühle mich schuldig, weil wegen mir mein Mann auf vieles verzichten muss. Ich klaue ihm quasi Lebenszeit. Ich denke oft an früher, wie ich aktiv und selbständig war. Wie wir ein Team waren, welches viel zusammen machte, aber auch eigenständig jeder sein eigenes Hobby pflegte. Früher war ich in verschiedenen Clubs, wie Lauf-Club, Rhetorik-Club oder Wanderverein. Durch die vielen Spitalaufenthalte habe ich den Anschluss verpasst. Auch sonstige Kontakte sind eingeschlafen.
Mein Mann ist mein Fels in der Brandung. Doch ab und zu habe ich Angst, ein Stein zu sein, der ihn am Boden hält. Ich muss mir auch von Kolleginnen Bemerkungen anhören, die mich fragen, ob es für mich schlimm ist, dass ich von meinem Mann abhängig sei? Eine Frau hat dann ihre ungefragte Frage gleich selbst beantwortet: „Ich, als emanzipierte Frau, möchte nie abhängig von meinem Partner sein“. Bei diesem Satz kam die schlagfertige Susi wieder zum Vorschein, denn ich konterte: „Wenn Emanzipation bedeutet, dass eine Frau sich schämen muss, wenn sie unverschuldet auf Hilfe angewiesen ist und dadurch vom Partner abhängig wird, pfeife ich auf so eine Emanzipation! Doch klar, solche Bemerkungen verletzen. Ich würde ja dasselbe für meinen Mann auch machen!
Schliesslich hat man sich versprochen, „in guten, wie in schlechten Zeiten“. Doch dass die schlechten Zeiten wegen mir so viel Raum einnehmen, belastet mich schon.
Mir kommt ein Spruch bzw. eine Aussage von Viktor E. Frankl in den Sinn:
Es gibt nichts auf der Welt, was den Menschen so nachdrücklich helfen kann zu überleben und gesund zu bleiben, wie das Wissen um eine Lebensaufgabe und um ein Warum.
Genau dies fehlt mir. Ich habe weder eine Lebensaufgabe, noch ein Warum.



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